So aufregend Tokyo auch sein mag – bislang war ich immer froh, wenn ich es nach ein paar Tagen wieder verlassen konnte. Ich liebe große Städte mit ihren vielen neuen Anregungen und Eindrücken. Aber besonders Megacities – und Tokyo ist mit ca. 40 Mio. Einwohnern der größte Ballungsraum der Welt – sind doch noch mal ein eigenes Kaliber mit ihrer permanenten Reizüberflutung. Nach kurzer Zeit habe ich meist das Gefühl, dass ich mehr Raum brauche, mehr Luft, mehr Ruhe. Eine Stadt, die all das – und noch sehr viel mehr – bietet, ist Kyoto.

Für mich ist Kyoto das Highlight jeder Japanreise. Ich liebe diese Stadt einfach! Wenn mich jemand fragen würde, welchen Ort man in Japan auf jeden Fall sehen muss, wäre meine Antwort kurz: Kyoto. Insgeheim träume ich davon, hier mal ein paar Monate oder ein sogar ganzes Jahr zu verbringen. Dann hätte ich endlich genug Zeit, alle Zen-Gärten zu besuchen, die mich interessieren (und das sind einige) und alle Teehäuser und Restaurants auszuprobieren, die mich anlachen (das sind kaum weniger).

1. Tempel und Schreine: Wo Fuchs und Tor sich gute Nacht sagen

Dabei weiß ich noch genau, dass ich zuerst etwas enttäuscht war, als ich Kyoto das erste Mal besucht habe. Das sollte also die Stadt mit der reichen Kultur und den sagenhaft schönen Tempeln sein? Denn die Innenstadt von Kyoto unterscheidet sich nicht von der anderer japanischer Städte: hohe Büro- und Wohnhäuser, Geschäfte, Straßen. Ziemlich durchschnittlich also. Was Kyoto so besonders macht, sind die über tausend (buddhistischen) Tempel und (shintoistischen) Schreine. Viele von ihnen – insbesondere die schönsten – liegen in den Hügeln rund um Kyoto, denn die Stadt ist auf drei Seiten von einem Talkessel umgeben.

Da die Landschaft und die Ästhetik in der japanischen Kultur immer eine große Rolle spielen, sind Berge und Hügel oft populäre Orte für Tempel und Schreine. Das hat zwei schöne Effekte: Zum einen hat man von vielen Tempeln in Kyoto einen tollen Blick auf die Stadt. Zum anderen muss man erst einen Hügel erklimmen – sich also den Weg zum Tempel gewissermaßen erarbeiten. Gerade bei den etwas abgeschiedeneren oder nicht so bekannten Tempeln hat man dann oft das Gefühl, dass man sich von der Stadt und vom Alltag immer weiter entfernt, bis man an einen Ort gelangt, an dem die Gesetze des modernen Lebens nicht gelten. Einen Ort, der aus der Zeit herausgefallen ist, an dem die Seele sich ausruhen und die Schönheit und Stille genießen kann. Das klingt vielleicht kitschig, aber so geht es mir jedes Mal, wenn ich das Gelände von einem besonderen Tempel betrete. Nicht alle haben diese Aura – sicherlich hängt das immer auch davon ab, wie viel gerade los ist, ob das Wetter mitspielt, in welcher Stimmung man sich gerade befindet.

1.1 Honen-in

Ein Tempel, bei dem ich auf dieser Reise sehr stark dieses Gefühl habe, ist der Honen-in – ein kleiner Tempel, der nur etwa zehn Minuten zu Fuß vom berühmten Ginkaku-ji (Silberpavillon) liegt. Obwohl nur einen Katzensprung von einem der meistbesuchten Tempel Kyotos entfernt, verirren sich nur wenige Besucher hierher. Der Honen-in wurde 1680 erbaut. Er liegt direkt am Waldrand, was seine Ruhe und Abgeschiedenheit noch einmal verstärkt. Die Anlage ist eher klein, bloß ein paar kleinere Gebäude sind in dem sehr akkurat gepflegten Garten verteilt. Durch die Bäume auf dem Gelände und die Nähe zum Wald ist es eher kühl und feucht (Achtung: Stechmücken!). Insgesamt strahlt der Ort sehr viel Ruhe aus. In einem der Gebäude werden oft Ausstellungen von lokalen Künstlern gezeigt, als ich dort bin etwa die einer jungen Kalligraphin. Mir tut die Atmosphäre im Honen-in sehr gut. Wer auf der Suche nach einem kleinen, schönen, kontemplativen Tempel ist, dem empfehle ich diesen hier.

Ich könnte noch ein Dutzend weitere Tempel und Schreine aufführen, die meiner Ansicht nach einen Besuch lohnen (ja verdammt, ich stehe auf Tempel!). Aber ich will mich hier auf eine kleine Auswahl beschränken. Hier also meine persönlichen Favoriten:

1.2 Eikan-do

Ein Tempel mit einem wunderschönen Garten, der sowohl nasse Elemente (Wasser, Pflanzen) als auch trockene (Steine) enthält. Im Zentrum ist ein kleiner Teich angelegt. Über eine Treppe gelangt man zu einer Pagode, von der aus man einen tollen Blick über die Stadt hat. Der Eikan-do ist besonders für seine Ahornbäume berühmt. Im Herbst ist er daher ein äußerst beliebtes Ausflugsziel. Aber auch im Frühling, wenn die Ahornbäume in einem sehr frischen Grün strahlen, lohnt sich ein Besuch, wie ich bei meiner Reise im Mai feststelle.

1.3 Ryoan-ji

Einer der bekanntesten und meistbesuchten Tempel Kyotos. In dem Steingarten sind 15 Felsen platziert, die man aber aus keiner Perspektive alle gleichzeitig sehen kann. Für mich der schönste Steingarten in Kyoto, in dem man gut über die großen Fragen des Lebens nachdenken kann (Wer bin ich? Wohin gehe ich? Soll ich noch einen Matcha trinken?). Es empfiehlt sich allerdings, möglichst früh zu kommen, bevor Horden japanischer Schüler einfallen, um hunderte Selfies von sich zu schießen, auf denen sie immer (wirklich immer!) das Victory-Zeichen machen.

1.4 Fushimi Inari-Taisha

Tausende leuchtend rote Tore (torii) säumen den Weg zu diesem Schrein. An manchen Stellen stehen sie so dicht, dass sie einen Tunnel formen, höchst künstlerisch von einzelnen Lichtstrahlen durchbrochen – zu Recht eines der beliebtesten Fotomotive in Kyoto. Sehenswert sind auch die vielen Fuchs-Statuen (Füchse gelten als Botschafter des Reisgottes Inari). Spätesten seit „Der fantastische Mr. Fox“ von Wes Anderson hab ich ein Faible für diese Tiere. Irgendwie sehen auch die Statuen so aus, als ob sie gerade den nächsten großen Coup planen – schlau und ein bisschen hinterhältig. Hühnerfarmern rate ich daher von einem Besuch eher ab.

2. Philosophenweg: Immer dem Moos nach!

Der Honen-in liegt am Philosophenweg – ein berühmter Spazierweg an einem Kanal am Fuß der Higashiyama-Berge im Osten Kyotos. Seinen Namen hat der mit Kirschbäumen gesäumte Pfad von dem Philosophen Nishida Kitaro, der hier im vergangenen Jahrhundert entlang spaziert sein soll, wenn er nachdenken wollte. Zur Zeit der Kirschblüte soll der Philosophenweg ganz besonders schön sein. Und ganz besonders überlaufen. Als ich ihn Anfang Mai entlang schlendere, hält sich der Besucherandrang allerdings in Grenzen. Zum einen ist der Weg so beliebt, weil er einige interessante und berühmte Tempel miteinander verbindet. Er startet in der Nähe vom Ginkaku-ji – eine der Hauptsehenswürdigkeiten Kyotos – und endet nördlich des Eikan-do.

Allerdings ist der Philosophenweg weit mehr als nur ein günstige Verbindung zwischen Tempeln – er ist auch verdammt schön. Die Ufer sind mit Bäumen, Büschen und Blumen gesäumt, die Ufersteine mit Moos und Flechten überwuchert. Insgesamt wirkt die Umgebung sehr grün. Rechts und links des Weges gibt es immer wieder Neues zu entdecken: urige alte Holzhäuser, die fast vollständig mit Pflanzen überwuchert sind. Ein kleiner Stand, an dem eine alte Frau gebratenes Hühnchen verkauft. Ein wunderschönes historisches Teehaus, in dessen Garten man unter roten Lackschirmen Matcha genießen kann (yes!). Einen kuriosen kleinen Schrein, in dem (nach den chinesischen Sternzeichen?) Statuen von Schlangen und Ratten verehrt werden. Der Blick in die bewaldeten Berge östlich von Kyoto. Prachtvolle Villen, die sich hinter hohen Hecken verstecken. All das lässt sich in einem sehr angenehmen Spaziergang erkunden. Zwischendurch kann man sich dabei immer wieder auf Steinbänken am Kanal ausruhen.

3. Nishiki-Markt: Darf’s ein bisschen Oktopus sein?

Wer keine Lust (mehr) auf Tempel hat, dem bietet der Nishiki-Markt eine willkommene Abwechslung. In dieser überdachten Einkaufsstraße findet man so ziemlich alles, was man sich an japanischen Lebensmitteln vorstellen kann. Und noch viel mehr – denn die Japaner machen Dinge aus Fisch, Algen und Sojabohnen, auf die wir im Traum nicht kommen würden. Manche Geschäfte haben sich z.B. ausschließlich auf Algen in allen möglichen Formen, Farben und Verarbeitungszuständen spezialisiert. Ein paar der exotischeren Dinge, die ich auf dem Markt entdeckt habe: getrocknete Fischflocken, Tofu-Eis, ein ganzer Oktopus, Fischköpfe und eingelegte ganze Gurken mit einer äußerst schleimigen Konsistenz (bäh!).

Den langen Gang zu erkunden macht Spaß, an einigen Ständen kann man auch die ausgestellte Ware probieren. Wer dann immer noch Hunger hat, holt sich gegrillten Fisch am Spieß oder Oktopus-Bällchen. Im Gegensatz zu den Tempeln geht es hier sehr lebhaft zu, man kann die Menschen gut beim Einkaufen beobachten. Auch interessant finde ich einen Laden, der ausschließlich Essstäbchen verkauft – in dutzenden Dekors und Preisklassen. Von bescheidenen Bambusstäbchen bis hin zur lackierten Angeber-Version mit Perlmutteinlage ist hier alles zu haben. Ich fühlte mich wie Harry Potter, als er bei Olivander einen Zauberstab aussuchen soll. Ob die ganz exklusiven Stäbchen wohl mit Einhornhaar gefüllt sind? Das würde den Preis von bis zu 70 Euro pro Paar erklären.

Apropos Essen: Kyoto ist vielleicht die beste Stadt in Japan, um Kaiseki, die japanische Form der Haute Cuisine auszuprobieren. Dafür geht man am besten in die Ponto-cho – eine schmale Gasse westlich vom Kamo-Fluß. Hier reiht sich ein gutes Restaurant an das nächste. Ein Besuch lohnt sich aber auch, weil die Gasse selbst sehr malerisch ist, ganz besonders abends, wenn die Laternen vor den Restaurants weiß oder rot leuchten (rote Laterne = Restaurant ≠ Puff). Kaiseki besteht immer aus mehreren Gängen, die alle eher klein ausfallen und sehr hübsch angerichtet werden (die Ästhetik mal wieder). Allerdings muss man schon etwas tiefer in die Tasche greifen, wenn man abends in der Ponto-cho essen will. Es lohnt sich, mittags zu kommen, denn dann bieten viele Restaurants spezielle Mittagsmenüs an, die oft nur die Hälfte (oder sogar noch weniger) kosten. Einmal gönne ich mir solch ein Mittagsmenü für umgerechnet ca. 20 Euro – und bereue es nicht.

Außerdem ist Kyoto die japanische Süßigkeiten-Stadt schlechthin. Wer Lust hat, richtig exotischen Süßigkram zu kosten, ist hier goldrichtig. Die Deluxe-Variante ist sicherlich, in ein Teehaus zu gehen und dort zum Matcha-Cappuccino (unbedingt ausprobieren!) etwas von den hausgemachten Kuchen, Keksen oder Desserts zu probieren. Viele davon werden mit grünem Tee (matcha, matcha man, give me as much matcha as you can!) oder schwarzem Sesam zubereitet – beides unheimlich köstlich. Eine weitere sehr typische Zutat in japanischen Süßigkeiten sind Bohnen. Ja, richtig gelesen: Bohnen. Daraus wird eine süße Paste hergestellt (Anko), mit der z.B. kleine Pfannkuchen gefüllt werden. In einem Supermarkt habe ich sogar mal ganze kandierte Bohnen gesehen. Süßigkeiten aus Bohnen gehören definitiv nicht zu meinen Favoriten. Sie sind zwar essbar – aber warum sollte ich mich damit begnügen, wenn es doch viel köstlichere Sachen gibt, die mir so viel besser schmecken? Zu den besten japanischen Süßigkeiten gehört aus meiner Sicht auch Eis, das teilweise in ausgefallenen Geschmacksrichtungen daherkommt, die es bei uns nicht gibt (naja, in irgendwelchen Hipster-Eisläden mittlerweile vielleicht schon). Zu meinen Favoriten gehören auch hier wieder grüner Tee und schwarzer Sesam. Aber erstaunlicherweise schmeckt auch Süßkartoffel-Eis richtig gut, wie ich in einem niedlichen kleinen Restaurant herausfinde. Weitere abgefahrene Geschmacksrichtungen sind Tofu und – natürlich – Anko.

4. Gion: Wer findet die Geisha?

Wer schon in der Ponto-Cho ist, kann auch gleich noch den Kamo-Fluß überqueren und einen Abstecher nach Gion machen, ins alte Geisha-Viertel der Stadt. Abseits der vielbefahrenen Hauptstraße finden sich dort – neben dem niedlichsten Postamt der Welt – noch viele historische Holzhäuser, teilweise aus dem 17. Jahrhundert. Sie dienen oft als Teehäuser und Restaurants, in denen abends Geishas und Maikos (Geisha-Azubis) auftreten. Das kann man aber gewöhnlich nur als Gruppe in Verbindung mit einem mehrgängigen Abendessen buchen – und muss bereit sein, saftige Preise zu zahlen. Ohnehin ist das Programm immer auf Japanisch. Wer eine – wenn auch weitaus weniger exklusive – Kostprobe der Unterhaltungskünste der Geishas erhalten will, kann aber auch einfach für ein paar Euro ein Ticket an einem der vielen Geisha-Theater in Gion lösen und dort eine Show anschauen, die meistens aus einer Mischung aus Theater, Musik und Tanz besteht.

Ich mache das bei dieser Reise zum ersten Mal. Und was soll ich sagen: So furchtbar spannend finde ich es nicht, weil ich von dem aufgeführten Stück nun mal kein Wort verstehe. Zwischendurch muss ich mich sogar zusammenreißen, um nicht einzuschlafen. Das Finale versöhnt mich dann wieder etwas: Rund ein Dutzend Geishas tanzt in schöne Kimonos gekleidet anmutig über die Bühne. Das Highlight des Nachmittags kommt aber erst nach der Vorstellung. Denn ich kann aus nächster Nähe einige Geishas beobachten, wie sie nach der Vorstellung durch den Bühneneingang das Theater verlassen. Geisha-Spotting at its best! Wer also nur mal eine waschechte Geisha sehen will, kann sich einfach nach einer Show am Ausgang positionieren – et violà.

Das war’s in Kyoto. Folgt mir nach Takayama, in die japanischen Alpen …