Nachdem ich viel Zeit in Tokyo und besonders in Kyoto verbracht habe, will ich zum Abschluss meiner Japanreise unbedingt an einen Ort, an dem ich zuvor noch nie war. Die Auswahl ist riesig, denn Japan hat unheimlich viele schöne und interessante Städte und Dörfer zu bieten. Ich suche einen Ort, der mich einerseits kulturell reizt, der aber auch landschaftlich schön ist. Und nicht zuletzt will ich unbedingt einen Onsen – eine heiße Thermalquelle – besuchen. Das gehört für mich zu jedem Japanbesuch einfach dazu.

1. Takayama

Meine Wahl fällt auf Takayama, ein kleines Städtchen in den Ausläufern der Japanischen Alpen. Es liegt in einem Talkessel auf knapp 600 Metern Höhe und hat keine 90.000 Einwohner. Schon alleine die Fahrt im Bummelzug dorthin ist wunderschön. Fast die ganze Strecke von Nagoya – einer großen Industriestadt, in der man zwangsläufig umsteigen muss, wenn man nach Takayama will – verläuft die Bahntrasse direkt neben einem kleinen Fluss, der sich durch grüne Hügel, Reisfelder, Bambushaine und immer mal wieder kleine Ortschaften schlängelt. Hinter jeder Kurve sieht die Landschaft wieder etwas anders aus. Groß zum Lesen komme ich nicht, die meiste Zeit bin ich damit beschäftigt, die Landschaft aus dem Zugfenster zu bewundern.

Bei meiner Ankunft in Takayama ist es dunkel. Eigentlich nur weil ich zu faul bin nachzugucken, wo ich genau hin muss, nehme ich ein Taxi. Und muss lachen, denn die Fahrt dauert keine fünf Minuten. Takayama ist winzig! Der Taxifahrer – wie alle in Japan korrekt in Uniform mitsamt Schirmmütze gekleidet – übt sich aber in professioneller Höflichkeit und lässt mich keinesfalls spüren, dass er mich für doof hält, weil ich für eine so kurze Strecke seine Dienste in Anspruch nehme. Kein Vergleich zu deutschen Taxifahrern! Japanische Taxis sind übrigens definitiv einen Blick Wert. Denn die Sitze sind immer komplett mit weißen Spitzenbezügen verkleidet. Das gibt einem etwas das Gefühl, als ob man im Wohnzimmer seiner Oma durch die Gegend kutschiert wird. Dazu passt auch der oft starke Nikotingeruch (zumindest zu meiner Oma passt das verdammt gut!), denn Rauchen ist in Taxis erlaubt.

In den kommenden vier Tagen erforsche ich den Ort – und bin entzückt! Es gibt kein besseres Wort dafür, denn Takayama ist (vielleicht gemeinsam mit Luang Prabang in Laos und Hoi An in Vietnam) das hübscheste kleine Städtchen, in dem ich jemals in Asien gewesen bin. Die Landschaft ist wunderschön, in der Ferne sieht man die schneebedeckten Gipfel der japanischen Alpen, alles rundherum ist grün. Die Altstadt besteht aus historischen Holzhäusern, in denen bis heute hauptsächlich Geschäfte, Handwerker und Gasthäuser untergebracht sind. Die Häuser sind alle exzellent erhalten – man merkt, dass sie gut gepflegt werden. Kein Wunder, ist die Altstadt doch ein enormer Touristenmagnet. Zu den Hauptstoßzeiten steht man sich tatsächlich gegenseitig fast auf den Füßen – wobei das eine Nebenstraße weiter schon wieder ganz anders aussehen kann.

Takayama ist bei Touristen sehr beliebt – bei einheimischen wie ausländischen. Besonders anscheinend bei Chinesen, denn von denen begegnen mir unheimlich viele hier. Überhaupt sind enorm viele chinesische Touristen in Japan unterwegs. Ein Phänomen, das mir von meiner letzten Japanreise her noch nicht bekannt ist. Ein Freund von mir, der selbst lange als Reiseführer in Japan gearbeitet hat, erzählt mir, dass seit etwa vier, fünf Jahren immer mehr Chinesen kommen. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, was für grausame Kriegsverbrechen  Japan im Zweiten Weltkrieg in China begangen, sich aber nie zu seiner Schuld bekannt hat, und dass sich beide Länder auch heute noch um Territorien streiten. Das scheint aber dem Interesse der chinesischen Bevölkerung am Nachbarn keinen Abbruch zu tun.

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Eine alte Ninja-Rüstung und -Waffen. Das Haus ist voller Geheimgänge, die man sich heute auch als Nicht-Ninja angucken kann.

In der Altstadt von Takayama sind einige Gebäude in Museen umgewandelt worden, deren Besuch sich lohnt. In allen werden Alltagsgegenstände aus den vergangenen Jahrhunderten gezeigt. Aber auch die Holzhäuser an sich sind architektonisch interessant. Besonders eines sticht hervor: das ehemalige Domizil eines Ninjas. Leider spricht der Besitzer nur ein paar Brocken Englisch. Ich verstehe nicht viel, von dem, was er mir mit Händen und Füßen zu erklären versucht. Nur so viel: Der Ninja ließ in dem Haus diverse Geheimgänge einbauen, um fliehen zu können, wenn Feinde auftauchten. Und von diesen Geheimgängen zeigt der heutige Besitzer den Besuchern auch gleich mehrere. Ein spannender kleiner Einblick in die Welt der Ninja!

Mit Abstand das Kurioseste, was mir auf meinem Streifzug durch Takayama begegnet, ist aber ein langnasiger Kobold. Der ist an die Decke eines Schreins gemalt und über und über mit Papierkugeln zugeklebt. Der Legende nach wird nämlich derjenige von einer Krankheit genesen, der ein Stück Papier gut durchkaut und auf den Kobold wirft. Ziemlicher Scheißjob, finde ich. Also der vom Kobold: Leute gesund machen, als Dank dafür, dass sie einem mit vollgesabbelten Papier beschmeißen.

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Wer gesund werden will, sollte zum Arzt gehen – oder einen gut durchgekauten Papierfetzen auf diesen Kobold werfen.

Außer alte Häuser und Schreine erkunden kann man sich in Takayama auch noch mit einer Rikscha durch die Stadt kutschieren lassen (sieht man auch auf den Fotos). Solche Rikschas gibt es übrigens an vielen Sehenswürdigkeiten in Japan – selbst in Tokyo sind mir vor Senso-ji welche begegnet. Allerdings habe ich darauf keine Lust. Stattdessen stürze ich mich auf die kulinarischen Genüsse, die Takayama zu bieten hat.

Und da gibt es vor allem eins: das Hida-Rind. Eine – ebenso wie das noch bekanntere Kobe-Rind – Schwarzrinderrasse mit ihrem typisch marmorierten Fleisch. Wenn man in Takayama ist, kann man Hida-Rind nicht entkommen – versucht es gar nicht erst! In wirklich jedem Restaurant, in dem ich esse oder an dem ich auch nur vorbeilaufe, gibt es Hida-Rind. Manche Restaurants bieten sogar nichts anderes an. An meinem dritten Abend in Takayama, an dem ich an dem gefühlt hundertsten Rinder-Restaurant vorbeilaufe, denke ich mir: „Na schön, wenn ich diesem dusseligen Rind schon nicht entkommen kann, dann probiere ich es eben mal.“ Und was soll ich sagen: Es ist wirklich köstlich – sehr saftig und aromatisch. Saftig ist allerdings nicht nur das Fleisch, sondern auch der Preis dafür. Für fünf mundgerechte Häppchen, die ich mir an meinem Platz auf einem Gasgrill selbst grille, zahle ich mehr als 20 Euro. Von der Portion her allenfalls eine Vorspeise. Übrigens das einzige Mal auf meiner Reise, dass ich das Gefühl habe, zu viel für ein Essen bezahlt zu haben. Ansonsten ist Essengehen in Japan erstaunlich günstig – oft zahlt man weniger als hier. Wer unbedingt Hida-Rind probieren will, ohne sich finanziell zu verausgaben, dem kann ich nur die sogenannten Hida-Beef Buns (Hida-Rind-Brötchen) empfehlen. Das sind herzhafte Hefeklöße mit einer Rindfleischfüllung. Sehr lecker, an fast jeder Straßenecke zu haben und kosten nur um die drei Euro.

Wer abends was trinken will, der hat die Qual der Wahl: Ins Desolation Row oder in den Red Hill Pub? Denn das sind die beiden Kneipen, die es in Takayama gibt. Im Desolation Row läuft lautstark Bob Dylan in Dauerschleife. Der Besitzer – ein hagerer älterer Herr mit Bart, Brille und Anzug – arbeitet anscheinend daran, als weltgrößter Dylan-Fan ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen zu werden. Mir sagt allerdings der Red Hill Pub wesentlich mehr zu. Zum einen ist die Musik hier eher nach meinem Geschmack (als ich dort bin läuft ziemlicher souliger 60ies-Sound), zum anderen gefällt mir einfach die Atmosphäre in dem kleinen, schummrigen, bunten, vollgestopften Raum. Die gut gelaunte Besitzerin hat auf der Theke so viele Magazine, Stifte, Gästebücher und sonstigen Klimbim gelagert, dass sie jedes Mal erst einmal umräumen muss, wenn sich ein neuer Gast setzen will. Die Stimmung ist entspannt, die Gäste nett, die Getränkekarte klein aber gut (wenn es Wodka Lemon gibt, bin ich eigentlich schon ausreichend versorgt) und man kommt leicht ins Gespräch. Der Abend plätschert mit Musik, Gesprächen und Alkohol angenehm vor sich hin. Und als er zu Ende geht, schlendere ich in nur zehn Minuten zurück zu meinem Hotel. Manchmal liegt das Glück auf der Straße einer kleinen Stadt in den japanischen Alpen.

2. Ogimachi in Shirakawa-gō

Takayama ist auch ein guter Ausgangspunkt für Tagesausflüge zu anderen Orten in den Japanischen Alpen. Bekannt ist die Region vor allem für ihre alten Bauernhäuser im Gassho-zukuri-Stil, was übersetzt „betende Hände“ bedeutet. Die Giebel der Reetdächer sind äußerst steil (wie zwei Hände, die im Gebet aneinander gelegt werden), damit der Schnee, der hier im Winter in Massen fällt, herabgleitet und die Dächer nicht unter der Last zusammenbrechen. Viele dieser Häuser haben auch im ersten und zweiten Stock noch Türen, damit die Bewohner im Winter ihre Häuser verlassen können – so hoch liegt er hier manchmal der Schnee. Einer der besten Orte, um sich Gassho-zukuri-Häuser anzugucken, ist Ogimachi in der Region Shirakawa-go. In dem Dorf, das zum UNESCO-Kulturerbe zählt, gibt es Dutzende davon, manche sind bis zu 250 Jahre alt. Teilweise stehen die Häuser schon seit ihrem Bau hier, andere wurden aus anderen Regionen der Japanischen Alpen abgetragen und hier wieder aufgebaut. Am Rande von Ogimachi gibt es ein Freilichtmuseum mit Gassho-zukuri-Häusern, aber auch im Ort selbst stehen einige, die teilweise als Museen, Läden oder Restaurants dienen, teilweise aber auch heute noch bewohnt werden.

Beim Gang durch das Freiluftmuseum fällt mir auf, wie viele Insekten in den dicken Reetdächern leben: Überall summt und brummt es. Anscheinend ein Paradies für Insekten aller Art. Interessant sind aber nicht nur die Häuser selbst, sondern auch die Alltagsgegenstände, die darin ausgestellt werden. Offenbar wird in dieser Region traditionell vieles aus Stroh hergestellt: Matten, Sandalen, Stiefel, Hüte und Umhänge. Früher muss das Leben hier im Winter sehr hart gewesen sein. Aber auch heute ist die Region in der kalten Jahreszeit manchmal von der Außenwelt abgeschlossen.

3. Onsen

Mit Sicherheit die entspannteste Sache, die man in Japan machen kann, ist ein Onsen zu besuchen, eine heiße Thermalquelle. Die meisten Onsen haben mehrere Becken drinnen und draußen – fast immer nach Geschlechtern getrennt. Gemeinsam zu baden hat in der japanischen Kultur einen hohen Stellenwert. Dabei gibt es eine wichtige Regel: Man wäscht sich zuerst gründlich, bevor man seinen Körper in das heiße Thermalwasser taucht. Der Kopf allerdings muss immer über der Wasseroberfläche bleiben, alles andere wäre ein Fauxpas. So sitzt man dann ein paar Minuten, entspannt sich, geht wieder raus, lässt sich abkühlen – und wiederholt die Prozedur beliebig oft.

Je nach Quelle haben die Onsen verschiedene Eigenschaften: Manche sollen besonders gut für die Haut sein, andere z.B. besonders gut gegen Rheuma. Für alle Indikationen scheint es in Japan die geeignete Thermalquelle zu geben. Aber auch gesund kann man das Bad genießen, denn es entspannt effektiv die Muskeln und macht angenehm schlapp. Im Umkreis von Takayama gibt es einige Onsen zur Auswahl. Am leichtesten mit dem Bus zu erreichen ist Hirayu Onsen – eine kleines Örtchen, das quasi nur aus Onsen besteht. Ich wähle den größten im Ort, der direkt neben der Bushaltestelle liegt, und verbringe hier einen sehr angenehmen, relaxten Tag im heißen Wasser mit Blick auf die Japanischen Alpen. Danach fühlt sich meine Haut tatsächlich sehr zart an – auch wenn sie den Rest des Tages etwas nach Schwefel riecht. Gegen vieles scheint ein Besuch im Onsen zu helfen: Stress, Verspannungen, Unruhe. Nur gegen eines nicht: dass meine Reise in dieses wunderbare Land hiermit zu Ende geht.